Weil Tiere lieber leben

Das Kuhrettungs-ABC und ein Lebenshof mit 5 Kühen, 2 Maultieren, 6 Ziegen und 2 Schweinen.
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Scottmaring – Wortschöpfung aus Scotty und Ottmaring – ist der Überlebenshof der Tierärztin Nicole Tschierse, die vegan is(s)t und seit knapp 10 Jahren an einem Schlachthof arbeitet. Den Hof gibt es schon viele Jahre, zuerst war es eher eine Hobbytierhaltung, dann rettete Nicole im Jahre 2008 den zwei Ziegen Heidi und Clara das Leben und der Wandel zum Lebenshof war geschafft. Einige Monate später folgte Scotty, das Maskottchen. Er stammt aus dem selben Schlachtbetrieb wie Heidi & Clara (die leider nicht mehr lebt).

„Bei der von mir durchgeführten Lebendbeschau hat er gleich klar gestellt, wie das weiter abläuft. Er war zwar klein wie ein Zwergpudel zu diesem Zeitpunkt, aber als er mich sah, kam er sofort angewackelt und hat sich an meine Beine geschmiegt. Da er für griechisch Ostern eigentlich vorbestellt war, musste er diese Nummer über den halben Tag verteilt dreimal wiederholen, bis der Besitzer des Betriebes schliesslich nachgab und sagte: „Dann nimm ihn halt mit..“ Scotty und ich, das war und ist die große Liebe.“
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Im Winter 2009 kam Alma, ein fünf Monate altes Kalb. „Eigentlich wollte ich mir zwei Pinzgauer Ochsen kaufen. Irgendwann. Aber dann kam Alma Fleckvieh. Für die Ochsen hatte ich lange über Namen nachgegrübelt. Alma war dann aus dem Stehgreif. Ich mag den Namen als weitverbreitet üblichen Kuhnamen. Wenn man Kühe hat , sollte eine Alma dabei sein.“
Im Frühjahr 2010 rettet Nicole Berta, die damals zwei Jahre alt war, aus dem Schlachthaus. Damals gab es die EU-Verordnungen noch nicht, die so etwas verbieten.

„Sie war eigentlich nicht eingeplant. Rinderpreise werden nach Kilogramm berechnet und Berta wog 560kg. Ausserdem hatte ich den Stall noch nicht für ein zweites Rind vorbereitet und war mit Arbeit und Kosten für die bereits bei mir untergebrachten Tiere ohnehin schon an meinen Grenzen. Ich wollte sie nicht mitnehmen, schon gar nicht nach einem anstrengenden 10-Stunden Tag ohne Pausen. Aber sie wollte mit mir mit. Es war nicht nur einfach so, dass sie Angst hatte und den nahen Tod witterte, obwohl das tatsächlich so war. Das gilt allerdings für ziemlich alle Tiere am Schlachthof. Nein, sie wollte mit mir mit.
Das war schlecht für mich, denn es bedeutete für mich zunächst zwischen Cholera und Pest wählen zu müssen, zwischen Bauch und Kopf, zwischen äußerem und innerem Frieden.

Ich nahm sie tatsächlich mit. Und ich hasste mich erst mal dafür. Die schrecklichsten Dinge malte ich mir auf dem Heimweg aus. Wie sie nach dem Ausladen in Panik alle meine Zäune nieder reißen, davon laufen und sich nicht mehr einfangen lassen würde. Wie sich mein überlanger Arbeitstag seit zwei Uhr nachts um noch ein Tagwerk verlängern würde, bis alles wieder einigermaßen unter Kontrolle wäre. Oder auch nicht. Ich heulte vor Wut auf mich selbst und vor Angst, was auf mich zukommen würde. Bisher hatte ich erst ein kleines Kalb gerettet, das auch in Widerwillen noch einfach anzuleiten war. Aber dieses große Tier? Würde es halten, was ich in ihm gesehen hatte, oder war ich nur einer Idee aufgesessen und kurz vor der Ernüchterung?

Berta war brav und willig beim Ausladen. Sie ließ sich auch auf das Grundstück bringen. Erst beim Überqueren der Wiese nahm sie die Maultiere in ihrem angrenzenden Auslauf wahr und erstarrte vor Schreck. Nichts dergleichen hatte sie je gesehen. Sie war zwei Jahre lang, ihr ganzes bisheriges Leben, angebunden in einem Stall zwischen anderen Rindern gestanden. Die Anwesenheit von Kalb Alma half da auch nicht weiter. Jetzt ging gar nichts mehr. Sie versuchte aber auch nicht, sich loszureißen. Sie war ja noch nie weg- oder schnell gelaufen, es war keine ihr bekannte Option.
Sie war nicht dazu zu bewegen, in den Unterstand zu gehen, der für Alma und jetzt auch für sie gedacht war. Erst nachdem sie die Augen mit einem Lappen verbunden bekommen hatte, konnten wir sie endlich hinein bugsieren und sie an einem Pfosten anbinden. Es gab keine vernünftige Absperrung oder Tür, nur einen vorgebundenen Balken, dann die Wiese und dann den reparaturbedürftigen Zaun. Wie gesagt: ich war nicht auf Berta vorbereitet.
Jetzt band ich noch einige Querbalken mehr vor den Ausgang des Unterstands und ließ mir vom Fahrer bestätigen, dass das wohl halten wird. Gut. Neue Kuh anwesend und sicher angebunden. Ich mit etlichen grauen Haaren mehr, aber vor Aufregung immer noch wach genug, um diesen Kraftakt weiter zu stemmen. Also frisch die anderen Tiere versorgt und ausgemistet. Danach hatte sich Berta soweit beruhigt, beziehungsweise war ebenfalls so müde, dass ich ihren Anbindestrick etwas lockern konnte. So hatte sie mehr Bewegungsfreiraum. Ich ging dabei sehr vorsichtig und mit einer Portion Misstrauen zu Werke. Ich hatte noch nie die Verantwortung für ein ausgewachsenes Rind gehabt und auch sonst bisher wenig direkten und selbstverantwortlichen Umgang mit erwachsenen Rindern. Seit einem Vierteljahr war Kalb Alma da und am Schlachthof gab es auch öfter direkten Kontakt, aber immer mit anderen Personen, die irgendwie mehr zuständig waren, immer mit Absperrgittern und stabilen Treibgängen oder in fremden Ställen mit dem Besitzer dabei. Das hier fühlte sich vollkommen anders an. Berta war jetzt meine Kuh und hey: ich hatte gefühlt keine Ahnung. Nun, ich musste zu ihr hinein klettern und ich konnte nicht wissen, ob sie nach mir treten oder mit ihren langen Hörnern nach mir stoßen würde. Zwar hatte ich es meinem Eindruck nach mit einem sehr freundlichen und umgänglichen Tier zu tun, aber sie befand sich zweifellos in einer Ausnahmesituation und war ganz gewiss verstört und erschöpft.

Sie tat nichts dergleichen. Sie ließ sich von mir streicheln und nach einer Weile legte sie sich einfach hin. Ich setzte mich neben ihren Kopf und sie legte ihn mir auf den Schoß. Das war der Moment, in dem wir an diesem Tag beide wieder unseren Frieden fanden: Alles richtig gemacht, alles nochmal gut ausgegangen.

Schon am nächsten Tag war es problemlos möglich, sie im Unterstand frei zu lassen, einige Tage später bekam sie auch für kurze Zeit das erste Mal in ihrem Leben Zugang zu einer Wiese. Die Zeit, in der sie sich auf der Weide frei bewegen durfte musste ich zunächst kurz bemessen. Sie hatte keine trainierte Muskulatur, war steif und ungelenk und ihres eigenen Körpers kaum Herr. Um zu vermeiden, dass sie sich sofort verletzt, musste ich ihre Hopser und Sprints frühzeitig unterbrechen. Was einfacher angedacht als getan war. Aber sie kooperierte denkbar gut. Nach drei Wochen hatte ich sie in meinem anfänglichen Eifer schon halfterführig bekommen. Sie konnte einige Grundkommandos, die unseren Umgang regelten und erleichterten. Mit den anderen Tieren am Stall kam sie auch immer besser klar. Nach drei Monaten wagten wir den ersten Spaziergang im Freien. Sie ging ohne zu zögern mit mir und Alma durch das Dorf, durch die Furt, über Brücken und einmal sind wir sonntags sogar bis zum nächsten Supermarkt gelaufen. Ein andermal haben wir beide Rinder in einen Transporter verladen, um zum nächsten Wald zu fahren und dort eine kleine Wanderung zu unternehmen.

Immer überwog bald ihre Neugier die Unsicherheit. Wann immer es etwas Neues für sie zu sehen gab, einen fremden Menschen, womöglich ein Kind oder jemand im Rollstuhl, Dreiräder, Regenschirme oder was sonst noch auf dem Radweg entlang dem Weidezaun unterwegs war: sie wollte alles kennen lernen. Sie machte dann immer dieses Gesicht, mit dem sie zu Anfang auch das angewachsene Gras am Boden und die Bäume betrachtet hat. Dieser Ausdruck besagte in etwa „ Ach, das ist ja interessant! Das kenn ich ja noch gar nicht!“

Die Kosten für Berta übernahm zu unser aller Glück eine Freundin. Sie durfte ihr dafür den Namen geben. Ich hätte sie eher Sofie genannt, aber ich hab dann Berta akzeptiert und im Spaß gesagt , dann machen wir halt das Alphabet voll.“
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Mittlerweile sind Alma und Berta tonnenschweren Kuhdamen („ja wirklich, niemand hat je so riesige Deutsche Fleckviehkühe gesehen, auch Metzger, Viehhändler und Bauern der Umgebung staunen…“). Mit ihnen leben die drei Kuhdamen Fanny, Dicki und Hanna.
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Die Erweitung des Kuhrettungs ABC begann im Juli 2013. Chaya und Dani, die mittlerweile auf Hof Butenland leben, konnten dank der großartigen Hilfe von vielen tierlieben Menschen gerettet werden. Auf Facebook wurden „verschiedene erfolgreiche Gruppen“ ins Leben gerufen und die Anteilnahme war & ist bemerkenswert. So folgten im August 2013 der Bulle Gadi & das Kälbchen Elliott, die mittlerweile im Bayerischen Wald leben. Im Dezember 2013 konnte man endlich auch die Mama (Fanny) von Elliott freikaufen und sie lebt seitdem glücklich in Scottmaring.
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Im Januar 2014 wurde Hanna gerettet. Sie ist eine besonders liebe, sanfte und intelligente Kuh. Im Juli erhielt Nicole einen Hilferuf von einer jungen Frau, die ihre geliebte Kuh retten wollte und so zog auch (Madame) Dicki nach Scottmaring. Es folgten weitere Rettungen  u.a. die Kälber Benny, Lina, Jumper & Krümel (die die Herzen von Claudia & Michaela berührten) und am 10.10.2014 wurde der Verein weil Tiere lieber leben gegründet.
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Im Dezember 2014 kam das Kälbchen Paul. „Er ist winzig klein und kam mit einer Fuhre „Ausschussferkel“ (alle krank und oder verletzt), weil selbst ein unrentables Kalb, mit einem Viehhändler zum Schlachthof. Schnell konnte ich abklären, dass er gar nicht gebraucht wird („Den verhack mer halt und frieren ihn ein – für Konserven irgendwann“) und noch viel schneller als der Wind waren Freunde zur Stelle, um ihn gleich wieder wegzuholen.“ Die Mutter von Paul konnte leider nicht freigekauft werden und so wurde Quinzy gerettet, damit Paul nicht so alleine im Quarantäne Stall war. Beide leben mittlerweile auf Hof Butenland.
Dort ist Paul „der“ Star. Er hat es sogar in die Oktober-/November-Ausgabe des Vegan Magazins mit einer 12-seitige Foto Geschichte geschafft. Auf dem Youtube Kanal von Hof Butenland könnt ihr euch tolle Filme von Chaya, Dani, Paul und Quinzy ansehen.
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2015 folgten Uroma Zänsi („Eine 19 Jahre alt Kuh namens Zänsi sollte den Weg zum Schlachter antreten. Das habe ich erfolgreich verhindert, denn nur weil ihr Leben lang und hoffentlich einigermaßen gut war, sollte es noch lange nicht so scheußlich enden.“) und Vroni. Beide leben mittlerweile auf dem Schutzhof „die wilde Hilde“. Dort fanden auch andere ABC Rettungskühe ihr Glück wie z.B.: Yolanda & Zilly – die mit Buchstabe Z das ABC vervollständigte.
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Das ABC sollte jedoch kein Ende finden und so begann es Ende 2015 von vorne mit (Abby-)Kati, (Bel)Leni und zwei Kälbchen. Charly und Dallas sind Abfallprodukte der Milchindustrie. Mit gerade mal 4 Wochen sollten sie den Weg zur Schlachtbank antreten, da ihr männliches Leben nicht zur Milchproduktion missbraucht werden kann. Auch diese vier leben glücklich bei der „wilden Hilde“. Insgesamt betrachtet wurden schon über 30 Kühe gerettet und das ABC hat noch weitere 20 freie Buchstaben ;).

Scottmaring ist immer eine Reise wert. Die tierischen Bewohner erfreuen nicht nur das Herz, sondern auch die Seele. An manch trüben Tagen kam ich schon vorbei und verließ beglückt diesen zauberischen Ort. Alle Tiere sind so herzlich & lassen sich kuscheln & knutschen. ❤ Die Kuh Alma & das Maultier Shanti mag ich besonders gern.

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Ihr seid noch auf der Suche nach einem passenden Weihnachtsgeschenk? Wie wäre es z.B.: mit einer Patenschaft? Oder schaut doch mal in der Auktionsgruppe „Weil Tiere lieber leben“ auf Facebook vorbei. Dort könnt ihr tolle Dinge er- & versteigern. Der Erlös landet zu 100% bei den Tieren ❤

In diesem Sinne: Weil Tiere lieber leben – go vegan! ❤

Zitate stammen von Nicole Tschierse.

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6 Gedanken zu “Weil Tiere lieber leben

  1. Richtig toller Post mit total süßen Bildern *:*
    Ich lebe zur Zeit vegetarisch und versuche so oft es geht vegan zu essen, aber zum Beispiel in der Schule ist es mir einfach zu anstrengend komplett vegan zu leben, deswegen werde ich das später erst machen wenn ich alleine koche 🙂

    Gefällt 1 Person

  2. Ich kann mich dem nur anschließen – ein wirklich toller und herzergreifender Bericht! 🙂
    Solche Paradies-Orte für Tiere sollte es viel öfter geben, dann wäre in dieser Welt so Einiges zum Besseren gewandt.

    Liebe Grüße
    Jenni

    Gefällt 1 Person

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